Sie sind hier: Startseite > Service > Interviews > Hilde Mußinghoff

Themendossier Kooperation stärken – Interview

"Kooperationen strategisch angehen und engagiert umsetzen"

Familienzentren und Berufsrückkehr - auf den ersten Blick zwei ganz unterschiedliche Bereiche. Doch es gibt viele Schnittstellen und Wechselwirkungen. Familienzentren sind häufig erste Anlaufstelle für Eltern, wo das Kind gut versorgt wird und Fragen zur weiteren Lebensplanung deutlich werden. Problemlagen von Wiedereinsteigerinnen beeinflussen so auch den Arbeitsalltag der Erzieherinnen. Doch wie damit umgehen? Auftrag und Aufgabe der Familienzentren sind der Schutz und das Wohl des Kindes, bei der beruflichen Orientierung oder gar Jobsuche können sie keine aktive Rolle übernehmen. Netzwerkpartner der Landesinitiative haben daher begonnen, gemeinsam mit Familienzentren geeignete Lösungen zu entwickeln.

Hilde Mußinghoff, innovaBest-Geschäftsführerin und Koordinatorin des Netzwerk W Rhein-Erft-Kreis, hat gemeinsam mit Netzwerk W-Partnern und Familienzentren das Handbuch „Kooperationen professionell gestalten“ entwickelt. Im Interview beschreibt sie, wie Kooperationen funktionieren können und welche Ziele und Arbeitsweise das Netzwerk W im Rhein-Erft-Kreis verfolgt.

 

Frau Mußinghoff, Zusammenarbeit über die Grenzen des eigenen "Unternehmens" hinweg ist ein Thema, das in Wirtschaftszusammenhängen längst selbstverständlich ist. Muss es in der sozialen Arbeit erst noch entdeckt werden?

Hilde Mußinghoff, innovaBest-Geschäftsführerin und Koordinatorin des Netzwerk W Rhein-Erft-KreisNein, auch in der sozialen Arbeit ist es mittlerweile ein Thema, es fehlen aber häufig noch die passenden Instrumente. In Wirtschaftszusammenhängen wird Kooperation professio­neller gehandhabt. Dort liegen bereits viele Modelle, Instrumente und Erfahrungswerte vor, auf die in der Praxis zurückgegriffen werden kann. Das mag auch daran liegen, dass das Thema Kooperation in vielen Wirtschaftsausbildungen fester Bestandteil der Ausbil­dung ist, im Sozialwesen wurde diese Bedeutung erst viel später erkannt. So gibt es zwar seit einigen Jahren zum Beispiel einen Aufbaustudiengang Kooperationsmanagement - unterhalb der Hochschul- oder Managementebene existieren aber nur sehr wenige Mög­lichkeiten, sich Wissen zu dem Thema anzueignen.

 

Und das ist dringend nötig?

Ja, denn der Bedarf an Kooperationen steigt stetig, und zwar in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Die Aufgabenstellungen sind komplexer geworden, immer mehr muss in kür­zerer Zeit mit weniger Mitteln bewältigt werden. Da bieten sich Kooperationen und Netz­werke an. Oft sind sie der einzige Ausweg, um Kosteneinsparungen oder betriebswirt­schaftliche Effizienz zu erzielen. Sie bieten aber auch enorme Möglichkeiten und Chancen, um Neues umzusetzen und leistungsfähiger zu werden. Außerdem sind gelungene Ko­operationen immer eine persönliche Bereicherung, denn hinter den Unternehmen und Einrichtungen stehen Menschen, mit denen man vertrauensvoll zusammenarbeitet.

 

Der von Ihnen entwickelte Leitfaden schließt also eine Informations- und Bildungslücke?

Der Leitfaden - im Laufe der Arbeit ist es ein Handbuch geworden - setzt genau da an. Die Einsicht, dass wir immer mehr Kooperationen benötigen, reicht nicht aus. Wichtig ist, dass sie auch funktionieren. Dazu benötigen wir das entsprechende Handwerkszeug. So haben wir in der Zusammenarbeit mit Familienzentren festgestellt, dass diese zur Erfüllung ihrer Aufgaben und Pflichten in breitem Maße Kooperationen eingehen sollen, die Fachkräf­te meist aber nur über geringe fachliche Kenntnisse und Erfahrungen verfügen, wie eine Kooperation aufgebaut und konkret gestaltet werden kann. Ihre Kenntnisse schätzten sie selbst als nicht hinreichend ein. Das ist in anderen Berufsfeldern durchaus ähnlich.

 

Auf welcher Idee beruht der Leitfaden und wie ist er aufgebaut?

Der Leitfaden soll den Aufbau und das Management von Kooperationen im sozialen Bereich unterstützen. Er richtet sich an Fach- und Führungskräfte, die in ihrem beruflichen Umfeld Kooperationen angehen und erfolgreich gestalten möchten. Die Beispiele, Muster und Check­listen geben Anregungen für die eigene praktische Arbeit.
Wir sind froh, dass wir bei der Arbeit am Leitfaden sowohl Experten/-innen als auch Praktiker/- innen beteiligen konnten. Die Experten/-innen sind das Thema grundlegend und aus verschie­den Blickwinkeln angegangen. Die Mitglieder des Netzwerks haben ihre eigenen Erfahrungen resümiert und Ideen für weitere gemeinsame Aktivitäten formuliert. Wir sind uns bewusst, dass dies nur ein Ausschnitt sein kann und sowohl der allgemeine als auch der Praxisteil von der Weiterentwicklung lebt. So ist das Handbuch auch kein geschlossenes Werk, sondern eine Loseblattsammlung geworden. Neue Erkenntnisse und interessante Beispiele können ergänzt und aufgenommen werden.

 

Das Netzwerk W im Rhein-Erft-Kreis hat den Schwerpunkt auf Kooperationen mit Familienzentren gelegt. Warum?

Anliegen des Netzwerks W ist es, den beruflichen Wiedereinstieg zu fördern. Alle Praktiker/- innen wissen, dass dies ein Querschnittsthema ist, das unterschiedliche Bereiche und Pro­fessionen betrifft. Neue Kooperationen, zum Beispiel mit Kinderbetreuungseinrichtungen und Wirtschaftsunternehmen, sind notwendig um Erfolge zu generieren. Familienzentren sind dabei besonders interessant, weil sie wesentlich mehr bieten als „nur“ Betreuung für Kinder. Sie sind zertifizierte, breit aufgestellte Einrichtungen mit einer besonderen Bedeu­tung für den jeweiligen Sozialraum. Das ist der Hintergrund für unser regionales Projekt, das mittlerweile an verschiedenen Netzwerk W-Standorten Nachahmung gefunden hat und dort abhängig von den regionalen Gegebenheiten umgesetzt wird.

 

Dieses vernetzte Arbeiten im Sozialraum kann man ohne professionelle Kooperationen nicht bewältigen, das leuchtet ein. Wie aber kommt man dahin?

Vor gut drei Jahren haben wir uns die Frage gestellt, wo es Schnittstellen und Wechsel­wirkungen gibt und ob es Sinn macht, die Themen in der Praxis zu verknüpfen. Dazu ha­ben zwei bestehende Netzwerke - eines zum Thema Wiedereinstieg und das andere zum Thema Familie - kooperiert. Ergebnis dieser Pilotphase in Köln war, dass die Schnittstellen größer sind als erwartet. Nach anfänglicher Skepsis und Sorge wegen möglicher zusätzli­cher Aufgaben, die nicht mehr bewältigt werden können, wurde die Bedeutung des The­mas für die Familienzentren offensichtlich. Bis heute bleibt mir die Bilanz der Leiterin des Netzwerks im Gedächtnis, die sagte, erst bei der Beschäftigung mit dem Thema sei ihnen klar geworden, wie sehr sich das Aufgabenspektrum der Familienzentren verändert habe.

 

Welche Erfolgsfaktoren halten Sie bei Kooperationen wie dieser für wichtig?

Man muss ein gemeinsames Ziel haben und eine Vision, wie man dieses Ziel verwirklichen will. Man muss Partner finden, mit denen man sich versteht, zu denen man Vertrauen hat – und die sich ergänzen. Bei der Zusammensetzung sollte man auf mögliche Synergien achten, damit für alle Win-Win-Situationen entstehen. Nicht zu unterschätzen ist die Zeit und die Energie, die man ohne Frage investieren muss. Mein persönliches Motto ist: Ko­operationen strategisch angehen und engagiert umsetzen.

 

Die größten Stolpersteine sind?

Kein Vertrauen, nur den eigenen Profit sehen und das Fehlen von Regeln. Beim unmittel­baren Start muss die Chemie stimmen. Man muss eine Vertrauensbasis haben und sich vor­stellen können, mit den Menschen zusammen zu arbeiten. Und dann sollten gleich Ziele und Regeln festgelegt werden.

 

Was kommt zuerst: die Idee für eine Kooperation oder der Kontakt zu einem möglichen Partner?

Meistens wird gesagt, Kooperationen müssten mit einer Idee beginnen. Es kann aber auch umgekehrt sein: Weil man mit jemandem gut harmoniert, will man etwas Neues zusam­men machen. Gerade wenn man aus ganz unterschiedlichen Bereichen kommt, ergibt sich oft eine besonders innovative Idee.

 

Wettbewerbsfähigkeit sichern, Reduktion von Risiken, Teilen von Kapazitäten: Das sind Begrifflichkeiten aus dem Management – was ist übertragbar auf soziale Organisationen wie Familienzentren?

Die Ökonomie hat ja längst Einzug gehalten in unterschiedlichen Bereichen der sozialen Arbeit. Auch Familienzentren müssen wirtschaftlich arbeiten; sie haben ein bestimmtes Budget für ihre zusätzlichen Aufgaben, mit dem sie sparsam umgehen müssen. Also sind Begriffe wie Reduktion von Risiken oder Teilen von Kapazitäten durchaus übertragbar. Von daher gilt auch hier – wer kooperiert, gewinnt.

Das komplette Interview ist im Handbuch "Kooperationen professionell gestalten" nachzulesen, zu finden unter Netzwerkpartner Rhein-Erft Kreis.